Hintergrundinfo zum Auftrag: Die motivierende Eingangsrede des Bürgermeisters Torsten Zugehör bei einer Foto-Ausstellung über “prekäre Situationen von Frauen in der Gesellschaft” im Rathaus Anfang des Jahres hatte mich sehr inspiriert. So gestaltete ich das Cover der Festsitzung für 75 Jahre Grundgesetz mit meiner modernen Interpretation von Justitia in Acryl auf Leinwand:

Hier kommt mein Bezug zum Grundgesetz als persönliche Festrede.
Wegen einer Programmänderung stand anfangs noch im Raum, ein paar Worte zu meinem Kunstwerk zu sagen :
Die Hauptintention vorneweg:
Ich möchte, dass wir die VR-Brille (als Symbol für die alltägliche Reizkulisse, in die wir hineingesogen werden) abnehmen und einander im vollen Respekt begegnen, die Menschenwürde und unseren Frieden bewahren.
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Liebe Festgäste,
mein Name ist Julie Boehm, und ich bin eine konzeptuelle Künstlerin, spezialisiert auf Malerei, Bodyart, Fotografie und Film. Seit 2018 habe ich mein Atelier in der Schlossstraße hier in Wittenberg. Erst vorgestern bin ich von einem Bodypainting/Living Statues-Event in Tschechien zurückgekehrt. Dieses inspirierende Erlebnis hat mir einmal mehr die Kraft der Kunst und die verbindende Kraft der Kreativität gezeigt.
Wer bin ich und woher komme ich?
Ursprünglich komme ich aus Bayern, doch mein Name stammt von der Heimat meines Vaters: Böhmen.
Als Vertriebener und künstlerisch tätiger Autor verfasste mein Vater vier autobiografische Romane über die Geschichte der Unmenschlichkeit , die er nach dem 2. Weltkrieg erlebte.
Er warnte mich davor, mit Tschechen zu arbeiten, da sie gefährlich seien, wenn sie meinen Namen hören.
Doch im Laufe meines Lebens habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht. Der Chef des Festivals in Tschechien fuhr mich sogar persönlich als eine der 45 teilnehmenden Künstlerinnen zum Bahnhof, weil mein Zug so früh startete.
In Böhmen wirkte auch Jan Hus, ein Wegbereiter Luthers, der noch vor der Reformation auf Missstände in der Kirche und soziale Gerechtigkeit hinwies, ähnlich wie es unsere heutigen Grundrechte tun. Somit sind wir hier in Wittenberg, das für Luthers Umwälzungen berühmt wurde, auch mit den Tschechen und deren Werten verbunden.
Ebenso referierte Luther auf die Hussitenbewegung in seinen Thesen.
Indem ich Vorurteile und Ängste abschüttelte, entdeckte ich eine Welt voller Freundlichkeit und Respekt. Letztes Jahr wurde von einer professionellen Künstler Jury zur tschechische Bodypainting-Meisterin in Prag gewählt.

Dieses Jahr gab es in Brno ein reines Publikumsvoting, bei dem ich ohne, dass ich die Leute kannte oder aktive Fans dabei hatte zur tschechischen Vizemeisterin mit meiner Arbeit gewählt:

Die Menschen dort sind offen und herzlich. Diese Begegnungen haben mir gezeigt, dass Vorurteile oft unbegründet sind und dass Menschlichkeit überall zu finden ist, wenn wir bereit sind, unsere Herzen zu öffnen.

Meine Künstler-Community und Unterstützer begegnen mir mit Respekt und Wertschätzung. Diese Erfahrungen bestärken mich in dem Glauben, dass Kunst Brücken zwischen Kulturen und Menschen bauen kann.
Welche Erfahrungen habe ich gemacht und was habe ich beobachtet?
2023 hatte ich ein Fotoshooting als Model für das kanadisches Fotostudio “ArtFashionStudio” mit der italienischen Künstlerin Lucia Postacchini am Toten Meer in Israel als Athena, Friedensgöttin der Verhandlung, mit der Botschaft, dass der Ukraine-Krieg eine friedliche Lösung durch Verhandlungen finden möge. Ein Jahr später kam es in Israel zum Krieg. Diese Erfahrungen zeigen, wie zerbrechlich der Frieden ist und wie wichtig es ist, für Dialog und Verständigung einzutreten.
Mir scheint, dass das Narrativ der Angst, das uns in den Medien vermittelt wird, oft daran hindert, in menschlicher Geste zusammenzuhalten, die Meinung des anderen zu respektieren und ihn als Individuum zu sehen.
Jeder Mensch ist anders – und das ist gut so.
In meiner Kunst sehe ich mich als Mediatorin. In meinem Gemälde habe ich das dargestellt, was Angst macht – vor allem die falschen Nachrichten, die uns den Fokus auf das Wesentliche, wie die Menschenwürde, nehmen.
Warum feiern wir heute?
Heute feiern wir den 75. Geburtstag des Grundgesetzes, das ursprünglich nur eine vorläufige Verfassung sein sollte, aber einen Grundstein der Menschlichkeit gelegt hat.
Ja, es war als Übergangslösung geplant. Doch heißt es nicht immer: Nichts hält besser als ein Provisorium? Ich glaube, da ist viel Wahres dran.
Das Grundgesetz ist ein Symbol für Frieden, Einheit und die Wahrung der Menschenwürde.
Wie drückt Kunst unsere Grundrechte aus?
Mir ist wichtig, dass wir die VR-Brille – als Symbol für die alltägliche Reizkulisse, in die wir hineingesogen werden – abnehmen und einander im vollen Respekt begegnen, die Menschenwürde und unseren Frieden bewahren.
Es ist beeindruckend, wie sich unsere Stadt für proaktives Mitreden und praktizierte Menschlichkeit im Sinne des Grundgesetzes einsetzt.
Ende Juni werde ich einen Workshop leiten, in dem wir uns unter dem Motto „Kunst findet Stadt“ mit inneren wie ästhetisch motivierenden visuellen Werten in der wunderschönen Lutherstadt auseinandersetzen.

Dieser Workshop bietet eine Gelegenheit, unsere gemeinsamen Werte zu reflektieren und zu feiern, wie Kunst uns helfen kann, diese Werte zu stärken und zu verbreiten.

Worum geht es in meinem Gemälde „Die Augen weit geschlossen“?
Mein Bild „Die Augen weit geschlossen“ in Acryl auf Leinwand entstand anlässlich des 75. Jubiläums des Deutschen Grundgesetzes.
Die Verkörperung der Gerechtigkeit steht im Zentrum eines digitalen Kaleidoskops, eines viralen Dschungels voller Ablenkungen – polarisierend und laut. Eingetaucht in die virtuelle Realität hat sie zwar permanent alles im Blick, und doch fällt das Sehen schwer. Die Reizüberflutung verschleiert mehr, als sie enthüllt.
In dieser Ära, in der die Grenzen zwischen virtueller und realer Erfahrung verschwimmen, symbolisiert Justitia mit ihren „weit geschlossenen“ Augen die Herausforderung, mit der wir konfrontiert sind: Die Fähigkeit, Wahrheit zu erkennen, während wir gleichzeitig von einer Flut an Information und Desinformation umgeben sind.
Heute gilt: „alles, überall und gleichzeitig“ – auch für unsere mentale Gesundheit ist dies eine echte Bürde und erschwert die Richtungssuche.
Dieses Gemälde, inspiriert von Delacroix‘ „Die Freiheit führt das Volk“ und angereichert mit der Farbpalette von Edvard Munch, kann als postmoderner Expressionismus mit einem Hauch von Romantik betrachtet werden, reflektierend und kritisch.
Es steht im Kontext des 75. Jahrestages des Grundgesetzes, einem Symbol für Frieden und Einheit, das uns daran erinnert, unsere digitale und analoge Existenz zu hinterfragen und neu zu interpretieren.
„Die Augen weit geschlossen“ kann eine Aufforderung an uns alle sein, den Umgang mit unseren Rechten aus einer humanistischen und respektvollen Perspektive, die den Umständen der Gegenwart gerecht wird, neu zu betrachten, um eine nachhaltige und friedvolle Zukunft in Einklang mit unserer Natur zu gestalten.
Dabei mahnt uns das Gemälde, stets die Balance auf Justitias Waage im Auge zu behalten und wachsam zu sein, sodass wir den ‚Tipping Point‘ in unserer vernetzten sozioökologischen Struktur nicht überschreiten – eine essenzielle Überlegung, um den Frieden und die Natur in unserer modernen Gesellschaft zu bewahren.

Was können wir aus diesem Tag mitnehmen?
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe, dass wir alle zusammen in einer Welt leben können, die durch Respekt, Menschlichkeit und die Prinzipien unseres Grundgesetzes geprägt ist.
Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass die Werte, die in unserem Grundgesetz verankert sind, nicht nur auf dem Papier stehen, sondern in unserem täglichen Leben gelebt werden.
Julie Boehm


Das Gemälde ist in meinem Shop auf Anfrage erhältlich:
