Das dritte Auge und der Leuchtturm

Es war einmal ein Mädchen namens Emma, das mit einem dritten Auge auf der Stirn geboren wurde – einem leuchtenden Prisma, durch das sie die Welt in tausend Farben sah. Wo andere nur Grau erkannten, tanzten vor ihren Augen schimmernde Blau- und Goldtöne, funkelnde violette Wirbel und smaragdfarbene Schatten. Doch die Menschen in ihrer Stadt, die sich an das Einfarbige gewöhnt hatten, fürchteten Emmas Auge. Sie nannten es seltsam, ja sogar gefährlich.

Also bedeckte Emma ihr Auge mit einem seidenen Tuch und schwieg über die Farben, die sie sah. Doch tief in ihrem Inneren brannte der Wunsch, ihre Welt mit anderen zu teilen. Eines Tages entdeckte sie das Tanzen auf dem Seil. Es war mehr als Bewegung – es war Magie, ein Schweben im Luftstrom der Gefühle, ein Gleichgewicht aus Leichtigkeit und Tiefe. Ein Zuhause in sich selbst.

Nacht für Nacht stieg Emma auf ihr Seil, das sich hoch über den Marktplatz spannte. Mit jeder Pirouette, jedem Schritt wirkte sie beinahe schwerelos, als würde sie mit der Luft sprechen. Doch es war kein einfacher Tanz. Links am Seil hing ein schwerer Geldsack – kalt, metallisch, voller Erwartungen, die an ihr zerrten. Rechts schwebte ein leuchtendes Herz, pulsierend, warm, erfüllt von Inspiration. Emma wusste: Bewegte sie sich zu sehr zum Herz, drohte der Geldsack das Seil aus dem Gleichgewicht zu bringen. Und wenn sie dem Gewicht des Geldes zu nahe kam, begann das Herz zu flackern, drohte sein Licht zu verlöschen.

Also balancierte sie, anmutig und atemberaubend, während der Wind an ihr zerrte. Die Menschen klatschten, staunten, riefen: „Was für ein Talent!“, machten Fotos – und gingen, ohne die Show zu bezahlen. Warum auch? Ihre Kostüme wirkten so prachtvoll, ihre Bewegungen so leicht. Emma hatte doch alles. Doch niemand wusste, dass sie jeden Morgen selbst das Seil spannen musste, dass sie ihre Kostüme mit wundgeschundenen Fingern nähte und dass sie sich keinen Manager leisten konnte, der während der Show das Geld einsammelte. Es war das Bild, das sie verkaufen musste, weil eine schlechte Show niemanden interessiert hätte.

Doch eines Tages kam der Sturm. Die Böen wurden stärker, das Seil zitterte. Der Geldsack schwankte, das Herz flackerte – und Emma fiel. Tief, tiefer als je zuvor, bis sie auf den Felsen am Fuß eines alten Leuchtturms landete. Ein mächtiger Koloss aus Stein, dessen Licht selbst die dunkelsten Nächte durchbrach. Als Emma reglos lag, öffnete sich knarrend die Tür und eine tiefe Stimme hallte:

Wer bist du? Und was ist das für ein Auge auf deiner Stirn?

Emma zitterte. Niemand hatte je so direkt gefragt. Doch geschwächt und erschöpft konnte sie nicht länger lügen. „Ich bin Emma. Dieses Auge ist ein Teil von mir. Es zeigt mir die Welt, wie sie wirklich ist – voller Farben, Licht und Leben.“

Der Leuchtturm schien skeptisch. Sein Licht durchleuchtete Emma, als ob es die Wahrheit in ihr finden wollte.

„Bist du sicher?“ fragte er. „Hast du vielleicht vom verbotenen Trank getrunken? Es heißt, dass dieser Trank Menschen ein drittes Auge gibt – ein Auge, das stört und nicht gut ist.“

Emma schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe diesen Trank nie genommen. Dieses Auge gehört zu mir, es war schon immer da. Es ist kein Fluch, sondern meine Wahrheit.

Der Leuchtturm schien nicht überzeugt und blieb distanziert. Sein Licht war klar, aber kalt. Er bot Schutz vor dem Sturm, half ihr auf die Beine – doch er verstand sie nicht. Als der Winter kam, spürte Emma, dass die graue Stadt sie erstickte. Sie musste fort, einen Ort finden, an dem nicht nur ihr Tanz bewundert, sondern auch ihre Farben verstanden wurden.

Also bestieg sie ein Schiff und segelte hinaus in die Welt. Dort entdeckte sie Städte voller Menschen, die wie sie ein drittes Auge hatten – oder sogar vier oder fünf Augen. Sie traf Freidenker und Träumer, die mit Farben malten, die Emma nie zuvor gesehen hatte – Töne, die wie Musik klangen, Gold, das wie Sonnenstrahlen wärmte. Zum ersten Mal fühlte sie sich nicht seltsam, sondern zu Hause.
Diese Menschen nahmen sie so an, wie sie war, und Emma begann, ihre Farben in Gemälden und Geschichten festzuhalten.

Doch eines Tages erreichte sie ein Brief des Leuchtturms:

„Ich habe dein Licht gesehen, Emma. Es ist Zeit, dass du es in der grauen Stadt zeigst. Komm zurück und bring deine Kunst mit.“

Emma zögerte. Erinnerte sich an die kalten Blicke, an die Menschen, die nur das Spektakel gesehen hatten. Doch aus Dankbarkeit belud sie ihr Schiff mit Gemälden, Geschichten und Erinnerungen und kehrte zurück. Der Weg war beschwerlich, denn ein dichter Nebel lag über dem Meer. Emma sandte Nachrichten an den Leuchtturm, doch es kam keine Antwort. Sein Licht war erloschen, und sie musste den Weg allein finden.

Die Stadt wirkte grau wie eh und je. Sie hängte ihre Bilder in einem großen Museum auf. Die Menschen kamen, betrachteten die Werke und sagten: „Oh, wie schön bunt!“ Doch Emma wusste, dass sie die Farben nicht wirklich sahen. Sie spürte, dass ihre Worte leer waren, und fragte sich, warum sie überhaupt zurückgekehrt war.

Nach der Ausstellung suchte Emma den Leuchtturm auf. Doch seine Tür war verschlossen, kein Licht brannte mehr. Sie klopfte, rief, wartete – doch der Leuchtturm blieb still. Also schrieb Emma einen letzten Brief:

„Ich danke dir, dass du mich einst aufgerichtet hast. Doch dein Licht ist erloschen. Meine Farben gehören an einen Ort, wo sie nicht nur gesehen, sondern verstanden werden.“

Emma kehrte zu ihrem Schiff zurück und verließ die graue Stadt. Als sie aufs offene Meer hinausfuhr, fühlte sie sich erleichtert, aber auch traurig. Sie wusste, dass der Leuchtturm ihr geholfen hatte, doch er hatte nie wirklich verstanden, wer sie war. Dennoch war sie dankbar für die Lektion, die sie gelernt hatte: dass nicht jeder, der Licht spendet, auch Wärme schenkt – und dass es manchmal besser ist, das eigene Licht zu folgen, als auf ein fremdes zu warten.

Auf ihrer Reise fand Emma neue Orte, neue Menschen und neue Farben. Und während sie weiterzog, nahm sie sich vor, nie wieder an einen Ort zurückzukehren, der ihr Licht nicht erstrahlen ließ.

JB

julieboehm

Artist for painting, multimedia, film living in Germany

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